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Produktion

KINO REVIEW: "Oskars Kleid"

Am Donnerstag startet pünktlich für die Feiertage die Pantaleon-Produktion "Oskars Kleid", die Hüseyin Tabak nach einem Drehbuch von Hauptdarsteller Florian David Fitz emotional wirksam inszeniert hat. Hier unsere Besprechung.

Thomas Schultze20.12.2022 09:39
Mainstream mit Herz: "Oskars Kleid" mit Florian David Fitz
Mainstream mit Herz: "Oskars Kleid" mit Florian David Fitz Warner Bros.

Am Donnerstag startet pünktlich für die Feiertage die Pantaleon-Produktion "Oskars Kleid"

, die Hüseyin Tabak
nach einem Drehbuch von Hauptdarsteller Florian David Fitz
emotional wirksam inszeniert hat. Hier unsere Besprechung.

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Florian David Fitz hat als Drehbuchautor ein ausgesprochen erfolgreiches Händchen, brisante Reizthemen in Erzählungen zu verpacken, die ein großes Publikum abholen. Was für die Bücher gilt, die er selbst inszeniert hat, wie "Jesus liebt mich"

, "Der geilste Tag"
oder "100 Dinge"
, oder deren Inszenierung er in die Hände anderer Regisseure gibt, wie "vincent will meer"
von Ralf Huettner, der 2011 beim Deutschen Filmpreis mit der Lola in Gold (plus einer Auszeichnung Fitz' als bester Darsteller) die Latte hochlegte für kommende Unterfangen, von Fitz aber offenkundig als Bestätigung und Ermutigung empfunden wurde. Er macht unverändert Mainstream mit Herz, Unterhaltung mit Empathie, High Concept mit einem gewissen Dreh, erzählt Geschichten, die von Menschen im Kino gesehen werden, die zwei Stunden dem Alltag entfliehen wollen und dann feststellen, dass die ganz großen Abenteuer oft die Dinge sind, die einen den Alltag einfach nur von einer ein klein bisschen anderen Seite ganz neu sehen lassen.

"Oskars Kleid" ist unverkennbar ein Stoff von Florian David Fitz, aber ebenso unverkennbar inszeniert von Hüseyin Tabak, den man im Kino zuletzt mit dem großartigen "Gipsy Queen"

erlebt hatte. Die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter in Hamburg, die sich als Putzfrau in Hotels durchschlägt und hofft, ihren Kindern als Boxerin ein besseres Leben bescheren zu können, ist kantiger, mit mehr Bodenhaftung erzählt, aber ebenfalls erfüllt mit einem punktgenauen Verständnis für Menschen, die für ihre Kinder Berge versetzen. Wobei das in "Oskars Kleid" nicht gleich ausgemachte Sache ist, weil das Leben des Protagonisten Ben Kornmann mit Baustelle noch freundlich umschrieben ist, Spross einer jüdischen Intellektuellenfamilie, der im ewigen Clinch nicht nur mit seinen Eltern liegt, die seinen eingeschlagenen Berufsweg als Streifenpolizist als persönlichen Affront empfinden, sondern vor allem mit sich selbst: Wegen seiner Alkoholexzesse hat ihn seine Frau verlassen, die von ihrem neuen Lebensgefährten mit Zwillingen schwanger ist und nun das Bett hüten muss. Weshalb sich der überforderte Ben jetzt um seine beiden Kids kümmert. Dass sein Sohn Oskar längst Mädchenkleider trägt und in seiner neuen Schule als "Lilli" angemeldet ist, wo die Mitschüler gar nicht wissen, dass er als Junge geboren wurde, setzt dem jungen Mann schwer zu.

Wie es seinen Eltern unmöglich ist, ihn als der zu akzeptieren, der er wirklich ist, kann er nun auch Oskar nicht zugestehen, in ein falsches Leben geboren zu sein. Die Ironie des trotz seiner schweren Themen so beneidenswert leicht, bisweilen fast beschwingt erzählten Films ist, dass Oskar längst gelungen ist, woran sein Vater unentwegt scheitert. Er hat für sich erkannt, wer er ist, und fordert nun Verständnis ein. Ben dagegen hadert mit dem eigenen Selbstverständnis und rennt mit dem Kopf gegen Mauern. Natürlich geht es im Verlauf der Handlung um des Widerspenstigen Zähmung, um Annäherung, Erkenntnis, Akzeptanz und Solidarität. Das mag man als simpel empfinden, aber leicht macht es der Film seinem Helden nicht, sich vom Saulus zum Paulus zu wandeln. Dass es ihm schließlich doch gelingt und "Oskars Kleid" mit dem Bild enden kann, dass Fitz überhaupt erst auf die Idee für die Geschichte gebracht hatte, ist nicht unbedingt Abbild gängiger Realität, aber doch Ausdruck einer aufrichtigen Hoffnung: Veränderung ist möglich, Läuterung ist machbar, innerer Frieden lässt sich finden, gemeinsam ist besser als gegeneinander. Wenn das im Kino nicht mehr möglich wäre, mit Mainstream mit Herz, Unterhaltung mit Empathie, High Concept mit einem gewissen Dreh, wie sollte es dann im wahren Leben umsetzbar sein?

Thomas Schultze

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