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Video

Heimisches Kino im Heimkino

1997 erzielten deutsche Filme in den Kinos sensationelle Ergebnisse. Allein im 1. Halbjahr betrug ihr Marktanteil 24,4 Prozent. Mittlerweile sind Erfolgsfilme wie "Knockin' on Heaven's Door" und "Kleines Arschloch" auch auf Video erschienen. VideoWoche wollte wissen, ob sich der Erfolg im Verleih fortgesetzt hat.

Dirk Bonengel06.11.1997 23:00

Das hat es seit vielen Jahren nicht mehr gegeben: Kinobesucher strömen in Scharen in deutsche Filmproduktionen. In der Vergangenheit galten deutsche Filme zum größten Teil als reines Kassengift. Ausnahmen wie die Otto- und Loriot-Filme bestätigten die Regel. Doch 1997 kehrte sich der Trend um: Bis September verzeichnete die Kinobranche mit den Titeln "Knockin'n on Heaven's Door"

, "Rossini", "Kleines Arschloch", "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" und "Jenseits der Stille" fünf deutsche Besuchermillionäre. Lange Zeit waren "Knockin'" und "Rossini" mit jeweils mehr als drei Millionen Zuschauern die erfolgreichsten Kinotitel überhaupt, bevor "Men in Black"
, "Vergessene Welt": Jurassic Park" und "Bean - der Kastastrophenfilm" erschienen. Von einem Strohfeuer kann aber offensichtlich nicht die Rede sein, denn mittlerweile haben auch die "Die Apothekerin" und "Ballermann 6" die Millionen-Grenze überschritten. Doch mehr noch als im Kino galten in der Vergangenheit deutsche Filme auf Video als Ladenhüter. Während sich unter den zehn bestverliehenen Filmen der letzten drei Jahre keiner von 1994 findet, wurden allein 1997 fünf der meistverliehenen Titel veröffentlicht. Alles deutet also daraufhin, daß deutsche Filme auch auf Video hohe Umsätze garantieren. Doch die Erfahrungen der Videothekare fallen derzeit noch sehr unterschiedlich aus. So ist beispielsweise Werner Bleck von der Videothekenbetriebe GmbH aus Marl der Meinung, daß deutsche Filme nach wie vor nicht die großen Renner sind: "Gut laufende deutsche Filme sind immer noch die Ausnahme. Bis auf 'Der bewegte Mann' habe ich bisher fast nur Enttäuschungen erlebt. Gelegentlich bestellen wir auch bei deutschen Filmen hohe Stückzahlen, aber die stehen dann nicht in Relation zu den Einnahmen. Ein Film wie 'Knockin' on Heaven's Door' läuft nicht schlecht, aber gemessen an den Stückzahlen bin ich nicht zufrieden. Im Vergleich ist ein Titel wie 'Maximum Risk' einfach besser. Ein anderes Beispiel ist 'Rossini': Angesichts der Erwartungshaltung, die zu diesem Film aufgebaut wurde, vor allem durch die massiven Werbeanstrengungen, ist der Titel im Verleih ein Flop. Mein Fazit: Die guten Kinoergebnisse schlagen sich auf Video nicht nieder. Nach wie vor gilt, daß erfolgreiche Fime aus Hollywood kommen müssen." Eine ähnliche Auffassung vertritt Wolfram Graf, City Video aus Bielefeld: "Ich sehe keine Renaissance des deutschen Films. Natürlich werden Titel wie 'Knockin' on Heaven's Door' und 'Kleines Arschloch'
gut nachgefragt. Aber ich bin vorsichtig: Nach dem 'Kleinen Arschloch' fragt in einem halben Jahr wahrscheinlich niemand mehr. Ich glaube ohnehin, daß es sich um vereinzelte Ausnahmerfolge handelt, die man nicht überbewerten darf. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer." Karin Peper (Video Aktuell, Hamburg) gibt zu bedenken, daß Filme mit einem hohen Kinoeinspiel nicht unbedingt auch Erfolge auf Video werden müssen: "Wir haben Stammkunden, die nicht ins Kino gehen, und für die nicht unbedingt entscheidend ist, ob ein Film ein Hit im Kino war. Titel wie '14 Tage lebenslänglich laufen sehr gut, andere deutsche Filme eher nicht. Eine spezifische Nachfrage nach deutschen Filmen gibt es jedenfalls nicht. In manchen Fällen funktioniert es über die Empfehlung unserer Angestellten."

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"Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer"

Doch längst nicht alle Videothekare haben negative Erfahrungen mit heimischen Produktionen gemacht. Frank Lacombe vom Video-Paradies in Emsdetten zieht eine durchweg positive Bilanz: "Die Kunden hatten viele Jahre lang eine starke Abneigung gegenüber deutschen Filmen. Inzwischen ist das Mißtrauen deutlich gesunken. Wir haben eine Riesennachfrage nach 'Knockin' on Heaven's Door' und '14 Tage lebenslänglich'. Das zieht sich durch alle Genres. Die Zurückhaltung der Kunden läßt sich überwinden, wenn man ihnen diese Titel gezielt empfiehlt. Man muß ihnen sagen: 'Versucht es!' Derzeit sind unsere Kunden begeistert und in der Regel zufrieden." Auch Falko Finkenrath (Vorstadt-Videothek, Ratzeburg) macht mit deutschen Filmen hervorragende Umsätze: "'14 Tage lebenslänglich' läuft bei mir derzeit besser als 'Maximum Risk'. Auch 'Knockin' on Heaven's Door' ist ständig vergriffen. Selbst ein wie Film 'Praxis Dr. Hasenbein' findet bei mir sein Publikum. Und ein älterer Titel wie 'Der bewegte Mann' macht immer noch gute Umsätze. Möglicherweise ist der Erfolg eine Frage der Plazierung im Geschäft. Einige dieser Titel werden von mir in ein Extraregal gestellt. Von einem durchschlagenden Erfolg deutscher Filme auf Video kann also insgesamt nicht die Rede sein. Gleichwohl bleibt unübersehbar, daß deutsche Filme ihren Chartanteil langsam aber stetig vergößern. Hatten sie 1994 nur einen Indexwert-Anteil von 2,07 Prozent in den Charts, waren es in diesem Jahr bereits 6,56 Prozent. Auf absehbare Zeit wird wohl die Dominanz von Hollywood-Produktionen erhalten bleiben. Doch wo steht geschrieben, daß man mit "Jenseits der Stille" oder "Das Leben ist eine Baustelle" nicht den ein oder anderen Neukunden gewinnen kann?

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